Wittenberger Bibeldruck der Reformationszeit

08. Oktober 2020
Lutherhaus | Lutherstadt Wittenberg

„Wie einer lieset in der Bibel, so stehet am Haus sein Giebel.“ (Martin Luther, Tischreden Nr. 7066)

Mit diesem Lutherzitat könnte auch die Tagung überschrieben werden, die am 24. und 25. September 2020 in den Räumlichkeiten der Wittenberger Leucorea stattfand. Doch wie entstand Luthers Bibel überhaupt, welche Rolle spielte sie für ihre Besitzer und wurde sie überhaupt gelesen? Diese Fragen klären sollten 14 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den unterschiedlichsten Fachdisziplinen. Eingeladen dazu hatten Stefan Oehmig von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin und Stefan Rhein, Direktor und Vorstand der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt.

Gleich zu Beginn beschäftigte sich Stefan Michel (Leipzig) mit den verschiedenen Revisionen von Luthers Bibelübersetzung. Er konnte an dem „kaum gehobenen Schatz“ der Revisionsprotokolle zeigen, dass die elfwöchige Bibelübersetzung Luthers auf der Wartburg zwar zu den protestantischen Gründungsmythen gehört, aber das Ringen um einen verständlichen und zugänglichen Text vor allem Teamarbeit war. Deutlich wird in den Protokollen dennoch auch der dominierende Einfluss Luthers, der sich oftmals auch über andere Meinungen seiner Teamkollegen hinwegsetzte.  Danach untersuchte Ulrike Ludwig (Leipzig) den kursächsischen Einfluss auf den Bibeldruck im Hinblick auf die Erteilung von Druckprivilegien durch Friedrich den Weisen, Johann des Beständigen und Johann Friedrich I. Sie sah in den Privilegien zur Verhinderung von unautorisierten Nachdrucken wichtige Instrumente der Kirchenpolitik der Kurfürsten. Der altgläubigen Gegenseite, nämlich den Maßnahmen Herzog Georgs von Sachsen gegen Luthers Bibel widmete sich dagegen Thomas Fuchs (Leipzig). Wie er zeigen konnte, wurden die zunächst zu beobachtenden Umgehungsversuche der Leipziger Drucker gegen das Druckverbot der Lutherbibel spätestens 1527 mit der Hinrichtung des Druckers Heinrich Herrgott endgültig vereitelt. Der gegen Luthers Bibel gerichtete Druck der deutschen Emserbibel im gleichen Jahr erfüllte seinen Zweck hingegen nicht: Sein Erfolg blieb marginal.

Auch der Veranstalter der Tagung, Stefan Oehmig (Berlin) ließ es sich nicht nehmen, selbst einen Vortrag beizusteuern und widmete sich dabei der Person von Hans Lufft als Wittenberger Drucker und Bürger. Auf der Grundlage zahlreicher neuer Quellenfunde zeichnete er ihn als gerissenen Geschäftsmann und emsigen Lokalpolitiker, der mit 850 Drucken, darunter auch der Vollbibel von 1534, insbesondere das Werk Martin Luthers publizierte. Einem besonderen Exemplar der 1534er Vollbibel wandte sich danach Tim Lorenzen (Kiel) zu: der noch vor dem Wittenberger Druck erschienenen niederdeutschen Übertragung von Luthers Bibel aus Lübeck. Als Übersetzer kann seit neuestem Dietrich Schmiedeke ausgemacht werden. Da diese Bibel in ihrer üppigen Ausstattung mit Holzschnitten Erhard Altdorfers zu kostspielig für den Privatgebrauch anmutet, sieht Lorenzen ihre wichtigste Funktion in der bürgerlichen Selbstdarstellung und konfessionellen Repräsentation durch eine Gruppe von Lübecker Bürger aus, die bereits den Anstoß zur Übersetzung ins Niederdeutsche gegeben hatten. Ihren Platz hatte da vorgestellte Druckexemplar auf der gleichzeitig fertiggestellten Kanzel der Lübecker Marienkirche.      

Den Abendvortrag hielt Stephan Füssel (Mainz), der aus germanistischer Perspektive einen groß angelegten Überblick über Luthers wegweisende Bibelübersetzung und –gestaltung bot. Diesen Vortrag können Sie als Aufzeichnung im untenstehenden Video selbst verfolgen.

Den ersten Vortrag am Freitag hielt Esther P. Wipfler (München), die sich der Bibelillustration im Reformationszeitalter widmete. An Beispielen wie der Darstellung der Hure Babylon konnte sie zeigen, dass Illustrationen nicht nur eine zierende Funktion hatten, sondern auch der Unterweisung und konfessionellen Deutung dienten. An den zahlreichen Nachfolgern der 1522er Bibel lässt sich nicht nur ein „Cranach-Effekt“ erkennen, sondern auch der zunehmende Einfluss der Auftraggeber selbst auf die Bildausstattung der Bibeln. Auch Susanne Wegmann (Köln) behandelte in ihrem Vortrag Bibelillustrationen und richtete ihr Augenmerk dabei speziell auf die sog. Glockendonbibel, eine reich illustrierte handschriftliche Fassung des Septembertestaments, die in der Nürnberger Werkstatt von Nikolaus Glockendon entstand und zu den herausragenden Schätzen der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel gehört. Die aufwendige Bildausstattung der, die sich an künstlerischen Vorlagen Cranachs aus dem Septembertestaments (inhaltlich) und Dürers aus der Apokalypse (künstlerisch) orientiert, diente offensichtlich wie  die Pergament-Handschrift insgesamt der fürstlichen Repräsentation, vermutlich der von Johann Friedrich von Sachsen. Mirko Gutjahr (Wittenberg) stellte die umfangreichen Funde von Bleilettern des 16. Jahrhunderts aus Ausgrabungen in Wittenberg vor.  Die etwa 4000 Lettern von zwei Fundorten ließen sich mit großer Sicherheit der Offizin von Johannes Krafft bzw. seiner Erben zuordnen, ein weiterer Komplex, der dadurch einzigartig ist, dass er auch Lettern für den Notendruck umfasst, hingegen der Druckerei von Georg Rhau. Die Entsorgung dieser großen Mengen von Drucktypen ist rätselhaft, steht aber möglicherweise im Zusammenhang mit Standortwechseln bzw. Aufgaben von Druckereien. Ulrich Bubenheimer (Reutlingen) stellte das bislang wenig beachtete Forschungsfeld der Paratexte in Bibeldrucken des 16. Jh. vor.  Für Bubenheimer stellen diese zusätzlichen Begleittexte Hilfestellungen zur Aneignung des Textes durch den Leser dar. An den Beispielen der Titelblätter sowie Luthers Zeittafel zur biblischen Geschichte machte er die ständigen Veränderungen der Paratexte im Laufe der Druckgeschichte der Lutherbibel anschaulich.  Thomas Lang (Wittenberg/Leipzig) begab sich in seinem Beitrag auf Spurensuche nach den Lesern der Lutherbibel im 16. Jh. Seine Überprüfung von Hausinventaren und Nachlässen ergab das irritierende Ergebnis, dass sich im mitteldeutschen Raum kaum Lutherbibeln in der Hand von bürgerlichen Laien nachweisen lassen. „Jeder mit einer Bibel unter dem Arm“ ist offenbar ein protestantischer Mythos. Matthias Meinhardt behandelte dagegen den Bibelgebrauch bei Hofe und arbeitete dabei drei Funktionsebenen heraus. Zum einen dienten die Bibeln als Mittel fürstlich-höfischer Repräsentation, die vor allem über die Kenntlichmachung des Bibelbesitzes Religiosität und Macht des Fürsten bewiesen.  Zum anderen spielte die Auswahl der „richtigen“ Bibelfassung eine kirchenpolitische Rolle bei Hofordnungen. Schwerer nachzuweisen ist die dritte Funktionsebene, der private Bibelgebrauch bei Hofe, der sich vor allen in der Prinzenerziehung nachvollziehen lässt. Eine besondere private Bibel nahm sich Hans-Peter Hasse (Dresden) vor. Wie Hasse zeigen konnte, gehörte diese Lutherbibel von 1545 dem Erzschmied Hans Reichsknecht, der sie mit zahlreichen Reformatorenbildnissen und –autographen versehen ließ und zudem zahlreiche Anmerkungen eintrug. Mit dem Lutherischen Sprichwort vom Bibellesen (s.o.) hatte er seine Kinder ermahnt, es ihm gleich zu tun. Ähnlich intensiv hatte sich auch der Seidensticker Hans Plock mit seiner zweibändigen Lutherbibel von 1541 beschäftigt, wie im letzten Vortrag der Tagung Hartmut Kühne und Ruth Slenczka überzeugend vorbringen konnten. Die bislang in erster Linie in Hinblick auf ihre Bildausstattung untersuchte Plockbibel steht derzeit im Fokus eines digitalen Editionsprojektes, das sich unter anderem auch mit den eingefügten Fremdtexten aber auch den umfangreichen Annotationen Plocks beschäftigen wird. Zusammen mit nur wenigen anderen reformationszeitlichen Beispielen lässt sich an ihr die intensive Auseinandersetzung eines Laien mit dem Text der Bibel aufzeigen.

 

Bilder der Tagung:

Dr. Ruth Slenczka, Leiterin der Museen in Wittenberg

« zurück zur Übersicht